Kenia
Prägend, lehrreich, wunderschön!
Lisa Winkler war zum Praktikum mit ihrer Freundin Nora Schittkowski im Maua Methodist Hospital in Kenia. Begeistert berichtet sie von ihren Eindrücken.
Ein herzliches »Karibu« an alle. »Karibu« ist Swahili und bedeutet »willkommen«. So wurden Nora und ich in Maua viele Male begrüßt! Ich bin Lisa, Medizinstudentin an der Uni Rostock. Ich freue mich, euch in unsere Erlebnisse mit hinein zu nehmen! Zusammen mit Nora Schittkowski, meiner Freundin und Mitstudentin, habe ich im April 2025 für vier Wochen ein klinisches Praktikum im Rahmen meines Medizinstudiums im Maua Methodist Hospital in Kenia gemacht.
Im Nachhinein bin ich froh und dankbar für die Zeit, die wir dort verbringen durften. Wir haben nicht nur viele spannende medizinische Dinge gelernt, sondern mindestens genauso viel über die kenianische Kultur und über die Menschen, die Tag für Tag mehr zu unseren Freunden geworden sind. Auch wenn nicht immer alles einfach war, haben wir vor allem ein neues Zuhause mitten in Afrika gefunden.
Angespannte Vorfreude
Nachdem alle organisatorischen Vorbereitungen erledigt waren, saßen Nora und ich ganz aufgeregt im Flugzeug. Die ersten zwei Tage verbrachten wir in der Hauptstadt Nairobi, bevor wir die Weiterfahrt nach Maua antraten. Diese zwei Tage holten uns ein bisschen auf den Boden zurück. Nairobi ist eine sehr große, wuselige Stadt, in der wir durch unsere helle Hautfarbe überall auffielen. Viele Menschen wollten mit uns sprechen, unsere Haut anfassen oder riefen nach uns: »Muzungu«, was so viel bedeutet wie »Weiße/r«. Inzwischen kann ich das viel besser einordnen und weiß, dass kaum einer das böse meint und die meisten Menschen sehr freundlich sind und einfach »Hallo« sagen möchten. Damals, an unserem ersten Tag, machte uns das aber trotzdem ein bisschen Angst.
Nach diesen ersten Tagen in der Hauptstadt schickte das Krankenhaus in Maua uns einen privaten Fahrer nach Nairobi, der uns abholte und nach Maua brachte. Die Fahrt für rund 200 Kilometer dauerte unerwarteterweise über sechs Stunden. Damit kann man sich gut vorstellen, dass der kenianische Verkehr nicht mit dem in Deutschland vergleichbar ist. Die Landschaft, durch die wir fuhren, war unfassbar schön und wir genossen so die kleine Sightseeing-Tour. Nach ein paar kleinen Schwierigkeiten beim Ankommen, wurden wir in einem wunderschönen Gästehaus auf dem Krankenhausgelände untergebracht, in dem wir sogar unsere eigene Küche und Wohnzimmer hatten. Schon am nächsten Morgen starteten wir in unseren ersten Praktikumstag.
Große Herzlichkeit
Prof. John Mungania, der Leiter des Krankenhauses, begrüßte uns unglaublich herzlich mit den Worten »Where are my two friends?«, als wir vor seinem Büro warteten. Diese Herzlichkeit, die uns in Maua entgegengebracht wurde, wird mir sicher noch lange in Erinnerung bleiben! Wie zum Beispiel Prof. Mungania, der uns begrüßte, als wären wir langjährige Freunde, die Mitarbeiter, die uns immer wieder willkommen hießen und sich darüber freuten, dass wir etwas von ihnen lernen wollten. Oder uns ganz selbstverständlich zum Mittagessen einluden. Es waren viele Begegnungen auch mit anderen Menschen, die dazu führten, dass wir uns schon nach kurzer Zeit sehr wohl und Zuhause in Maua fühlten.
Abwechslungsreiches Praktikum
Nach Rücksprache mit dem medizinischen Leiter des Krankenhauses beschlossen wir, das Praktikum auf verschiedenen Stationen zu verbringen; die wir uns sogar aussuchen konnten. In der ersten Woche waren wir auf der Mütter-Station. Danach verbrachten wir jeweils eine Woche auf der Neugeborenen- und Kinderstation, der chirurgischen Station, der Palliativstation und schließlich die letzten Tage auf der Station der Inneren Medizin. Durch diese Rotation hatten wir die Möglichkeit in den vier Wochen, die wir im Maua Methodist Hospital verbrachten, so viel Verschiedenes wie möglich zu sehen und viele Eindrücke zu sammeln.
Auf der Mütterstation begegneten uns viele Frauen, die Komplikationen vor oder nach ihrer Schwangerschaft, einen Kinderwunsch oder gynäkologischen Beschwerden hatten. Zum ersten Mal machen wir die Erfahrung, dass Vorsorgeuntersuchungen, wie wir sie aus Deutschland kennen, in Kenia kaum praktiziert werden. Die Möglichkeit ist zwar da, aber kaum eine nimmt sie in Anspruch.
Kaum finanzierbar
Das liegt vor allem daran, dass die medizinische Versorgung sehr teuer ist. Nur 20 % der Bevölkerung haben überhaupt eine Krankenversicherung. Der Rest muss immer, wenn Beschwerden auftreten, die Versorgung direkt vor Ort bezahlen. Das wiederum führt dazu, dass viele erst ins Krankenhaus kommen, wenn die Beschwerden kaum mehr auszuhalten sind.
Beispielsweise konnten wir eine Operation einer Frau mitverfolgen, die ein Ovarialkarzinom in Größe eines Fußballs in ihrem Bauch trug, welches dann entfernt wurde. Die gleiche Frau, so wurde uns erzählt, sei acht Jahre zuvor schon einmal da gewesen. Damals sei das Karzinom auch schon groß gewesen, sie hatte aber die Operation nicht durchführen lassen können, da sie nicht genug Geld hatte. Erst jetzt kam sie wieder und ließ sich operieren, weil ihr Gesamtzustand immer schlechter wurde und sie kaum mehr ansprechbar war.
Problem Behandlungskosten
Geschichten wie diese beschäftigen mich sehr. Wie ungerecht ist es doch, dass Menschen leiden müssen, weil sie sich keine medizinische Versorgung leisten können. Wenn die Menschen, die wir im Krankenhaus sahen, meistens diejenigen mit Krankenversicherung waren, wie ergeht es dann erst den Menschen, die sich keine Versicherung leisten können?
Über diesen Missstand sprachen wir auch viel mit den Ärzten vor Ort, die davon berichteten, dass fehlendes Geld in Kenia eines der größten Probleme sei. Viele Menschen verdienen kaum etwas, weil es an Arbeitsplätzen mangelt. Die Regierung ist korrupt und die medizinische Versorgung teuer. Zudem können, seit die US-Regierung ihre Hilfen eingestellt hat, noch weniger Kosten von bedürftigen Menschen übernommen werden.
Jede Untersuchung, Blutabnahme, Urinprobe, Verlegung in ein anderes Krankenhaus, Geburt, Kaiserschnitt etc. muss immer vor der Durchführung bezahlt werden. Wenn die Patienten bzw. die Familie der Patienten das notwendige Geld nicht aufbringen können, müssen sie Spenden sammeln. Falls sie das Geld nicht aufbringen, kann die Behandlung nicht stattfinden.
Ich stelle mir vor, dass dies sehr schwer zu akzeptieren sein muss. Vor allem für die Ärzte, die wissen, welche Behandlung notwendig wäre, die aber nichts dagegen tun können, wenn kein Geld da ist. Eine Ärztin erzählte uns davon, wie sie einen Patienten unterschreiben lassen musste, dass dieser kein Geld für eine Verlegung in ein Krankenhaus aufbringen konnte, was für die wichtige CT-Untersuchung notwendig gewesen wäre. Sie war sich bewusst darüber, dass der Patient ohne eine Verlegung sterben würde, konnte aber nichts dagegen tun.
Intensive Unterstützung
Trotz allem geben die Ärzte ihr bestes für die Patienten. Sie nehmen sich viel Zeit für die Patienten und dafür, dass wir als Praktikanten, oder die Ärzte, die ihr »Praktisches Jahr« machen, alles verstehen und haben immer ein offenes Ohr für Fragen.
Was mich auch sehr beeindruckt hat, ist, wie sich die Ärzte dort gegenseitig weiterbilden: Jeden Montag- und jeden Mittwochmorgen findet eine Fortbildung für alle Ärzte statt, in der immer ein/e Arzt/Ärztin ein Thema ihres Fachbereiches vorbereitet, von dem sie denkt, dass es für alle interessant sein könnte. Auch für Nora und mich war das super lehrreich, weil wir Neues lernten und teilweise mit dem Wissen aus unserer Vorklinik verknüpfen konnten.
Außerdem finden auch Besprechungen über schwierige Fälle statt, in denen reflektiert wird, was man vielleicht anders/besser hätte machen können. Alle Mitarbeiter (ärztliches und Pflege-Personal) werden dort mit einbezogen und nach ihrer Meinung gefragt. Ich bin überzeugt, dass sich die Qualität der Versorgung dadurch erheblich verbessert wird. Einiges davon würde ich gerne auch nach Deutschland mitnehmen. Vielleicht als Inspiration, vielleicht als Umsetzung.
Viele neue Informationen
Eine Chirurgin, die uns betreute, ist mir auch sehr in Erinnerung geblieben. Sie kannte sich sehr gut mit verschiedenen Gesundheitssystemen der Welt aus und konnte so das, was sie uns zeigte, ins Verhältnis setzen zu dem, was wir in Deutschland erwarten würden.
Mit ihr zusammen behandelten wir beispielsweise eine Frau, die Opfer häuslicher Gewalt war. Wir verbanden gemeinsam ihre Wunden. Diese waren tief und heilten nur langsam. Sie sah traurig aus. Auf Nachfrage erklärte uns die Ärztin, dass die Frau nach der Heilung vermutlich wieder zurück zu ihrem Mann ginge.
Es gibt keine staatlichen Hilfseinrichtungen für Frauen, die zu Hause Gewalt erleben. Die Frauen können sich nicht trennen, weil sie keinen eigenen Besitz haben. Ihr Geld geht in den Besitz des Mannes über. Herzzerbrechende Informationen für mich, Normalität für die Menschen in Kenia.
In unserer Zeit im Krankenhaus lernten wir viele Ärzt:innen kennen, die uns alle auf ihre Art unendlich viel beibrachten. Wir durften sehr viel sehen, als wäre es selbstverständlich, überall dabei zu sein und nie kam ich mir unerwünscht vor.
Wir erlebten viele OPs, Kaiserschnitte, Visiten, Untersuchungen, durften sogar an einer palliativen Schulung teilnehmen, Neugeborene Kinder untersuchen, Kinder wiegen oder impfen, bei der Wundversorgung helfen, …
Unterschiede
Vor allem lernten wir, nicht vorschnell zu urteilen. Vieles, was wir auf den ersten Blick nicht verstehen konnten, uns unlogisch erschien, hatte nach genauerem Hinschauen einen Grund oder eine Verwurzlung in der kenianischen Kultur, die wir mit unserem deutschen Blickwinkel nicht sehen konnten.
Deshalb sind wir dankbar für all die Begegnungen mit Menschen, die genau diese Verwirrung für uns gelöst haben. Eine Gruppe junger Ärzte beispielsweise, die uns ganz selbstverständlich in ihre Freundesgruppe integriert hat, mit denen wir viel Spaß hatten, über kulturelle Unterschiede lachen konnten und die wir tief in unser Herz geschlossen haben. Wir haben gelernt, dass wir eigentlich gar nicht so unterschiedlich sind, wenn man die Menschen genauer kennenlernt und wir eben alle Menschen sind, von Gott geliebte Menschen.
Diese Nächstenliebe und Wertschätzung haben wir dort gespürt wie an keinem anderen Ort zuvor, in den Andachten, in den netten Gesten, in der Freundschaft unserer Gruppe und der Herzlichkeit, die das Land zu bieten hatte.
Ich persönlich habe viel gelernt und möchte diese Wärme, Wertschätzung, Gastfreundschaft und Großzügigkeit, die mir entgegengebracht wurde, nie wieder vergessen!
Lisa Winkler