Brasilien
Ein Buch für’s Volk
Erinnerungen sind das kollektive Gedächtnis indigener Volksgruppen. Durch sie kann ein Volk in seiner Region überleben. Ein Projekt der brasilianischen methodistischen Kirche hilft den Tremembé, ihre Erzählungen in einem Buch festzuhalten und zu bewahren.
»Das Gedächtnis ist ein unverzichtbares Element für die Identität von Menschen und Völkern. Erinnerungen bewahren nicht nur die Vergangenheit, sondern helfen unsere Zukunft zu gestalten«, sagt Agostinho Cabral, Ältester der Tremembé, einer indigenen Volksgruppe in Brasilien. Bis zu ihrer Ansiedlung in Almofala durch die Kolonialherren war dieses Volk ein freies Nomadenvolk, das auf der Suche nach Nahrung weite Strecken zurücklegte. Gewalt prägte die Geschichte der Tremembé. Sie wurden wirtschaftlich ausgebeutet, durch die Regierungspolitik auf grausame Weise ihres Stammesgebietes beraubt. Ihre Kultur, ja ihr Volk sollte ausgerottet werden, um es in eine nationale Gesellschaftsstruktur einzuzwängen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Was sich im Laufe der Zeit jedoch geändert hat, ist die Fähigkeit zum Widerstand, die die Tremembé entwickelt haben.
Erzählen und Aufschreiben
Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet ein Buch, in dem Erinnerungen und Erfahrungen festgehalten sind. Man könnte es durchaus als ein »Tremembé Memorial« bezeichnen.
Ein sehr starkes Instrument des Widerstands sind die mündlichen Berichte der Ältesten und ihrer Anführer, da es anfangs noch keine schriftlichen Überlieferungen gab. Lesen und schreiben zu können gehörte nicht zum täglichen Leben dieses Volkes. Man klammerte sich an diese mündlichen Berichte, um die eigene Geschichte zu bewahren. Das neue Buch erzählt die verschiedenen Geschichten aus der kollektiven Erinnerung des Volkes der Tremembé. Es sind Überlebensgeschichten, die den Leser in eine lebendige Erinnerung eintauchen lassen. »Indem wir unsere Erinnerungen und Erfahrungen einbringen, wollen wir vor allem den jüngeren Generationen helfen, die Geschichten lebendig zu halten, und den Widerstand fortzusetzen und die Zukunft so zu gestalten, dass wir überleben.« sagt der Älteste Agostinho Cabral.
Bildung und Beständigkeit
Am Anfang stand die Erkenntnis, dass durch eine gute Schulbildung Jugendliche motiviert werden, nicht aus dem Stammesgebiet auszuwandern. Bleiben sie vor Ort, können sie zum Überleben des Volkes beitragen und Beständigkeit fördern. »Wir wollen eine Schule, die unsere Art zu leben nicht verändert«, fordert Diana, eine der Ältesten des Volkes. Sie sieht die Spiritualität der Tremembé als wesentlich an, da sie alle Prozesse, die als Strategien des Widerstands anerkannt sind, leitet und stärkt. So wurden nicht nur Jugendliche und Kinder ausgebildet, sondern auch Lehrkräfte, die jetzt den Jüngeren in Oberstufenkursen die Geschichte und Kultur ihres Volkes vermitteln.
Jüngst schlossen 54 Lehrkräfte einen akkreditierten Kurs in interkultureller Pädagogik ab. Ein weiterer Studiengang im Bereich Sprachen begann im September letzten Jahres. Die Oberstufenkurse wurden staatlich genehmigt und die Regierung hat Mittel für die Aufrechterhaltung des Schulbesuchs freigegeben. So konnten die Bildungsangebote der Tremembé zertifiziert werden und das unter dem Gesichtspunkt, dass die Ethnie sich behaupten und im Widerstand gegen die Aufgabe ihres Stammesgebietes stark sein kann.
Menschenrechte für alle
Die EmK-Weltmission unterstützt dieses Projekt und fördert damit auch das Anliegen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Die Rechte Indigener Völker sind Menschenrechte. Deshalb engagiert sich Deutschland dafür, dass sich Völker wie die Tremembé aktiv für den Schutz ihrer Rechte einsetzen können. In der Partnerschaft mit der Kirche in Brasilien leistet die EmK-Weltmission dazu einen nicht unbedeutenden Beitrag.