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Uruguay

Theorie in Praxis umsetzen

Nach Abschluss ihres Bachelors in Sozialer Arbeit hat sich Ruth Memmert sechs Monate in Projekten der Methodistischen Kirche in Uruguay engagiert. Nun ist sie wieder in Deutschland und blickt auf ein erfülltes Halbjahr zurück:

In der Fremde zuhause

Ich hätte nicht gedacht, dass ich mich mal in einer Millionenstadt zuhause fühlen würde. Ich bin in einem Städtchen mit knapp 5.000 Einwohner*innen aufgewachsen. Wenn ich in die Natur wollte, musste ich nur fünf Minuten zu Fuß gehen und schon war ich von Wiesen und Feldern umgeben. Zehn Minuten weiter und ich konnte in den ersten Wald. Dass ich mich in Montevideo zuhause fühlte, lag vielleicht an der Natur, die trotzdem da war: das Meer, die vielen Bäume in der Stadt, Palmen, die Parks und Wiesenplätze. Wahrscheinlich lag es aber am meisten an den Menschen.

Wenn ich in der Stadt unterwegs war, passierte es ab und zu, dass ich zufällig jemandem begegnete, den*die ich kannte. Einmal blieben wir sogar mitten auf der Straße stehen, um uns zu umarmen, als ich bei einer Ampel die Straße überquerte und mir eine Freundin von der anderen Straßenseite direkt entgegenging. Ab und zu waren es auch Teilnehmende vom Espacio Compa, die mir von der anderen Straßenseite aus etwas zuriefen oder wir uns kurz mit Küsschen begrüßten. Manchmal waren es auch nicht Bekannte, mit denen ich Momente auf der Straße oder in Läden teilte, sondern Fremde: Eine, die wissen wollte, wie es am schnellsten zum Meer geht; eine, die mich fragte, welchen Tee sie kaufen soll; wieder jemand anders, der wissen wollte, ob das die richtige Bushaltestelle ist, um zu seinem Endziel zu kommen; und dann die Frau, die mir beim Warten auf den Bus nicht nur meine Frage nach meinem Bus beantwortete, sondern frei heraus noch fünf andere, die ich gar nicht gestellt hatte.

Das Schönste war, als ich nach einer kurzen Reise zum ersten Mal wieder in meinen Lieblings-Obst- & Gemüseladen ging. Das »Cómo estás« (Wie geht es dir?) der Verkäuferin, als ich den Laden betrat, war nicht als Floskel gemeint, sondern ganz ehrlich und so unterhielten wir uns etwas länger als sonst und ich spürte: Ja, nach meinem kleinen Argentinien-Abenteuer bin ich jetzt wieder in meinem uruguayischen Zuhause angekommen!

Begegnungen schätzen

Ich habe das Gefühl, wieder gelernt zu haben, die kleinen oder auch mal großen, alltäglichen Begegnungen mit Menschen schätzen zu lernen. Im Prinzip »back to the basics«. Zurück zu einer unvoreingenommenen Grundoffenheit und -herzlichkeit. Einer der ersten Menschen, die ich in Uruguay kennenlernte, kennt den Espacio Compa (meine Haupteinsatzstelle) gut und als wir uns an meinem ersten Wochenende bei einem Kirchenausflug unterhielten, fragte ich ihn deshalb, ob er einen Tipp für meine Arbeit dort hat. »Sei du selbst«, war seine Antwort. Und das habe ich versucht.

Die sechs Monate bedeuteten für mich nicht nur ich selbst zu sein, sondern auch mich selbst besser kennenzulernen und in der Begegnung mit anderen Menschen, mich selbst ein bisschen mehr zu finden. Das halbe Jahr in Uruguay war für mich also auf eine Art insgesamt ein »Zurück«. Nicht zurück im Sinne eines Rückschritts, sondern ein Weiterkommen, ein bisschen ein Zurück-zu-mir-selbst und ein Zurück-zum-Leben an sich ohne Verpflichtungen, von denen es für mich in Deutschland doch etwas mehr gab. Auch eine größere Gelassenheit und Ruhe nehme ich mir mit und behalte sie hoffentlich bei. Das Wort tranquilo oder auch die Abkürzung tranqui (ruhig, entspannt, unbesorgt) habe ich so oft gehört, wenn es darum ging, eine Aufgabe zu erledigen oder wenn es kleinere Herausforderungen im Alltag gab. 

Mit verletzlichen Menschen arbeiten

Durch meine Zeit im Espacio Compa lernte ich, meine eigenen Grenzen besser zu kommunizieren und sie auch aufrechtzuerhalten. Dadurch musste ich zwangsläufig auch lernen, es auszuhalten, wenn Menschen auf mich sauer waren. Oft passierte das bei Kleinigkeiten, was damit zusammenhängt, dass die Teilnehmenden vom Espacio Compa durch ihre Lebensumstände und Lebenserfahrungen sehr verletzlich sind. Es kam vor, dass Personen tagelang nicht mit mir sprachen, weil ich z. B. keine Zeit hatte, mit ihnen zu malen, weil ich falsch Schach gespielt hätte oder weil ich mich mit der individuellen Art und Weise der Begrüßung von einzelnen Personen unwohl fühlte und deshalb anders begrüßt werden wollte. Es fielen mir gegenüber Sätze wie: "Du hast schon so lang nicht mehr mit mir zusammen gemalt! Warum hast du dafür jetzt schon wieder keine Zeit!?", "Warum möchtest du das nicht, bist du antisozial?", "Du hast mir damit in meinem Herzen weh getan. Ich nehme deine Entschuldigung nicht an."

Da tat es sehr gut, das tolle Team des Espacio Compa zu haben, um nachzufragen, ob ich mich in Situationen angemessen verhalten hatte und gegebenenfalls auch absprechen zu können, wie ich mich am besten gegenüber einer Person verhalten sollte. Die andere Seite waren Sätze von Personen wie ein überschwängliches "Ich hab dich so lang nicht mehr gesehen!", ein spaßhaftes "Schummel nicht beim Kartenspielen!" oder auch ein "Ich werde dich vermissen, wenn du wieder nach Deutschland gehst. Kann ich dich zum Flughafen begleiten?". Meine Arbeit im Espacio Compa war die bisher anspruchsvollste, die ich hatte, vielleicht genau wegen dieser Ambivalenz. Trotzdem ging ich wirklich sehr gerne hin und kann mir gut vorstellen, auch mal in Deutschland in der Obdachlosenhilfe tätig zu sein, falls es sich irgendwann ergibt - das ist ein Arbeitsbereich, den ich mir vor Uruguay tatsächlich nicht für mich vorstellen konnte.

Selbst auftanken

Einen Tag in der Woche war ich in meiner zweiten Einsatzstelle, der Gemeinde Sembradores, die unter anderem Suppenküche hat. Dort hatte ich nicht sehr viel Kontakt mit den Personen, die das Essensangebot annahmen. Dafür hatte ich umso mehr Kontakt zu den Frauen, die das Essen zubereiteten. Für mich war es wie eine Art Frauentreff und es war schön, mich mit ihnen austauschen zu können. Auch sie wurden mit kleineren und größeren Herausforderungen konfrontiert von Geldsorgen, Todesfällen, gesundheitlichen Schwierigkeiten bis zu einer schwierigen Schwiegertochter. Die Frauen tauschten sich auch viel über ihren Glauben aus und in den Gesprächen insgesamt gab es immer etwas zu lachen.

Für meine Freizeit hatte ich mir ein neues Hobby gesucht und eine Krav Maga Gruppe gefunden. Dort war ich mehrmals die Woche und konnte einiges in Selbstverteidigung mitnehmen. Mit der Gruppe machte es mir viel Spaß, es waren so ziemlich alle Altersgruppen vertreten und geschlechtergemischt. Ab und zu setzten wir uns auch noch nach dem Training zusammen, um den Tag ausklingen zu lassen.

Dankbar zurückblicken

Meine ersten Tage zurück in Deutschland waren ziemlich voll, deshalb hatte ich erst nach einigen Wochen Zeit, über mein vergangenes halbes Jahr nachzudenken. Ich denke, es wird noch etwas dauern, bis ich innerlich wieder ganz in Deutschland angekommen bin. Durch die Mitglieder der uruguayischen EmK, die sich meiner und der anderen Freiwilligen annahmen, fühlte ich mich gut unterstützt und begleitet. Ich hatte immer eine*n Ansprechpartner*in, was ich als großes Geschenk wahrnehme. Mir ist dadurch einmal mehr bewusst geworden, dass ich durch meinen Freiwilligendienst nicht nur vor Ort unterstützte, sondern dass es auch ein kleinerer oder vielleicht auch mal größerer Aufwand war, mich in Land, Kultur, Alltag und Arbeitsstelle einzuführen. Ich war eine Fremde und trotz meiner Sprachkenntnisse hätte ich ohne die Unterstützung, die ich bekam, nicht so gut Anschluss gefunden. Für die ganzen Erfahrungen, Erlebnisse und Begegnungen mit den Menschen in Uruguay bin ich von Herzen dankbar. Zu einigen wird der Kontakt bestimmt bestehen bleiben, sodass es kein Abschied für immer ist und ich mich schon auf ein Wiedersehen freuen kann!

Ruth Memmert